Quelle: Nando Stöcklin, Informations- und Kommunikationskompetenz – das «Lesen und Schreiben» der ICT-Kultur
Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung; Online publiziert am 22. Juni 2012 unter http://www.medienpaed.com/article/view/202, DOI: http://dx.doi.org/10.21240/mpaed/00/2012.06.22.X

Informationskompetenz / Information Literacy

“Literacy” bedeutet ursprünglich die Lese- und Schreibfertigkeit sowie das Leseverständnis – die Basis von “Schule” im modernen Sinn.

Auf der europäischen Plattform EPALE (Electronic Platform for Adult Learning in Europe) wurde “Literacy” vom inhaltlichen Basiswissen in verschiedenen Sachbereichen abgegrenzt und auf Lesen und Schreiben fokussiert. In der Praxis wird unter “Literacy” oft “die Fähigkeit, Informationen für das tägliche Leben zu nutzen” verstanden.

Das Verständnis der Informationskompetenz stammt aus Zeiten, in denen das Buch das Leitmedium war.

  1.  1989 definierte die American Library Association “Information Literacy” wie folgt:

    “To be information literate, a person must be able to recognize when information is needed and have the ability to locate, evaluate, and use effectively the needed information.”

  2. Die Medienpädagogik führte den Begriff “Medienkompetenz” ein. Anfänglich wurde beim Medienkompetenz-Begriff im Vergleich zur Informationskompetenz vor allem audiovisuellen Datentypen Beachtung geschenkt, später den Möglichkeiten des Internets und in dessen Folge der Produktion von eigenen Medienerzeugnissen.
  3. Aus der Informatik kommt der Begriff der “ICT-Kompetenz”, der stärker die technischen Konzepte von Computern und von deren Anwendungen betont.

Die Konvergenz dieser drei Kompetenzen spiegelt die Medienkonvergenz im Internet wider.

Der aktuelle Wechsel von einer vom Buch geprägten Kultur zu einer von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) – allen voran dem Internet – dominierten Kultur macht ein neues Verständnis der Informationskompetenz notwendig.

Bibliothekarisches Konzept versus medienpädagogische und informatische Ansätze

Die nachfolgende Tabelle zeigt Unterschiede zwischen dem Bibliothekarischen Konzept und den medienpädagogischen und informatischen Ansätzen von Informationskompetenz auf:

Bibliothekarisches Konzept medienpädagogische und informatische Ansätze
Kultur Buch-Kultur:

Diese ist charakteristisch für die Industriegesellschaft, einer hierarchischen Gesellschaftsordnung. Der Informationsstrom und die Kommunikation folgen der Linienorganisation.

Information gilt vorwiegend als Bringschuld der vorgesetzten Stellen.

ICT-Kultur (Computer und Internet):

Diese kennzeichnet die Informationsgesellschaft mit flachen Hierarchien und Netzwerken. Auch der Informationsaustausch und die Kommunikation finden in Netzwerken statt, oft über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg.

Information wird als Holschuld selbstverantwortlicher (oft prekär beschäftigter) Individuen betrachtet.

Medien papierbasierte Medien oder digitale Kopien davon;

Radio und Fernsehen für Bild und Ton.

Internet-basierte Medien (Websites, Wikis, Blogs, Microblogs, Foren, Chats) und soziale Netzwerke;

digital, multimedial, interaktiv;

nicht mehr auf Print-/Text-Informationen eingeschränkt.

Recherche auf publizierte, gedruckte oder elektronische, wissenschaftliche Fachinformation fokussiert;

systematische Nutzung von Bibliothekskatalogen und Fachdatenbanken als Schulungsgegenstand; in der Folge Bewertung, Verwaltung und Nutzung dieser Informationen;

Informationsmanagment dominiert den Aufwand.

umfasst auch das Verstehen und Interpretieren von Bildern und Filmen/Videos;

Zurechtfinden im Internet und in der Informationsinfrastruktur als Schulungsgegenstand;

Verwaltung und Management verlieren an Bedeutung.

Informationsrecherche dominiert den Aufwand.

Beschaffung durch Kauf von Büchern, Zeitungen oder Fachzeitschriften;

auf Vorrat (Just-in-Case – für den Fall des Falles);

Kosten- und Zeit-intensiv.

oft kostenlos, immer öfter über das Internet;

Just-in-Time (nur bei Bedarf, aber jederzeit möglich);

bedarfsorientiert, unaufwendig.

Selektion durch Verlage, Redaktionen oder Lehrpersonen. durch persönliche Netzwerke (“Filterblasen”) oder Algorithmen der Suchmaschinen.
Aktualität vergangenheitsbezogen;

mit möglichst allgemeingültiger, langer Bedeutung.

gegenwartsbezogen (Echtzeit);

mit anlassbezogener/ fallspezifischer Bedeutung (z.B. Anfrage an ein Netzwerk/Forum).

 NEU Produktion (Konzeption) von Informationen (einschließlich  Bilder und Videos);

Kommunikation (Übertragung) von Informationen in Form von Texten (einschließlich Kommentierung/ Feedback), Ton-Dokumenten, Videos, Fotos, Grafiken sowie Animationen, unter Beachtung von Urheberrechten und Plagiarismus;

Dabei ergeben sich Schnittstellen zu Medienkompetenz und ICT-Kompetenz.

Ziel Förderung des Lesens (Rezeption) und Schreibens von sprachlichen Texten sowie deren Verständnis. Förderung von Know-how zur Beschaffung, Produktion und Übertragung von überwiegend digitaler Information.

Daraus resultiert eine neue Definition von Informationskompetenz:

Informationskompetenz in der ICT-Kultur

Informationskompetenz in der ICT-Kultur ist die Fähigkeit, die es ermöglicht,

  • durch kritisches Hinterfragen von Sachverhalten, Meinungen oder Dogmen einen spezifischen Informationsbedarf zu formulieren;
  • darauf hin Informationen effizient und in geeigneten Medientypen zu ermitteln, selektieren und beschaffen;
  • zu verarbeiten, umzuwandeln oder selber zu erzeugen;
  • sowie über geeignete Kanäle/Medien zu kommunizieren.

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