Elsevier und das DEAL-Projekt

Verlage als Qualitätssicherer

Verlage sind die wichtigsten Hersteller (und Anbieter) von Informationsprodukten. Über angeschlossene Druckereien produzieren sie auch die Medien (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen usw.).

In den Redaktionen werden Contents generiert oder zumindest auf Qualität geprüft. Dabei kommen verschiedene Review-Verfahren zum Einsatz, die unterschiedlich viel Aufwand und Kosten bedeuten. Für wissenschaftliche Publikationen hat sich das Peer-Review-Verfahren als Standard etabliert.

Verlage als Quasi-Monopolisten

Wenn Verlage zum Gatekeeper für qualitätsgesicherte Information werden, also zum Quasi-Monopolisten, so bleibt das nicht ohne Konsequenzen auf die Preisgestaltung. Darüber tobt derzeit ein Kampf zwischen dem größten Wissenschaftsverlag, Elsevier auf der einen Seite und der deutschen Hochschulrektorenkonferenz und den deutschen Wissenschaftsorganisationen andererseits.

„Over the past 2 years, more than 150 German libraries, universities, and research institutes have formed a united front trying to force academic publishers into a new way of doing business.” (Quelle)

Auch mit den Wissenschaftsverlagen Springer, Nature und Wiley laufen Verhandlungen.

 

Pro & Contra

Das Argument auf der einen Seite:

Qualität verursacht Kosten. Auch die zugrunde liegende Infrastruktur (zur Versorgung mit Print, Datenbanken, Abonnements, Lizenzen, Online-Zugang, Portalen usw.) verursacht Kosten.

Das Argument auf der anderen Seite:

Die eigentliche Qualität wird von den Wissenschaftlern geliefert (Contents und Reviews), die zum Großteil aus Steuergeldern finanziert werden. Die wissenschaftlichen Biliotheken müssen jedoch die in Journalen publizierten Artikel um viel Steuergeld wieder zurückkaufen.

“Forscher werden mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Wissenschaftsverlage, die die Ergebnisse dieser Arbeit veröffentlichen, verlangen horrende Preise von den Bibliotheken, die die Journals ihren Nutzern zugänglich machen. Ein Unding, findet der Kulturphilosoph Christian Demand.” (Quelle)

 

Walther Umstätter (in Open Password #319 vom 9. Februar 2018)

“Dabei wird auch die Verknappung von Information auf Papier beispielsweise zum besseren Verkauf von Büchern kein zukunftweisendes Konzept bleiben. Verlage erzeugten früher mit ihren gedruckten Büchern Redundanzen zum ursprünglichen Manuskript, um eine raschere Verbreitung der Information zu ermöglichen. Heute versuchen sie alles, um die Verbreitung zu begrenzen und zu kontrollieren, um die Information zu verknappen.

[…]

Die Finanzierung publizierter Information ging in den letzten Jahrzehnten immer stärker vom Output zum Input über. Autoren zahlen immer öfter für die Verbreitung ihrer Erkenntnisse (Open Access). Immer mehr Informationen werden direkt oder indirekt über Werbung finanziert und die Lobbyisten überschwemmen die Informationskanäle mit Fake News, um ihre eigenen Interessen zu stärken. Wobei nicht selten für Fehlinformationen auch noch Geld verlangt wird, damit sie wertvoller erscheinen.”

 

Die großen Verlage

Zu den großen Marktteilnehmern auf dem Gebiet der Verlage zählen:

(a) im wissenschaftlichen Bereich:

(b) im Nachrichten-/News-Bereich die Verlagsgruppen

 

Neue Trends

Neue Trends, die von den Verlagen teilweise verschlafen wurden, entwickeln sich aus Open Access, Forschungsdatenmanagement, collaborative research platforms (wie z.B. ResearchGate) oder commercial sharing websites (wie z.B. IBM’s Watson Data).

 

 

Hinzu kommen alternative Informationsanbieter:

2016 startete Blendle seinen Online-Kiosk in Deutschland, in dem man einzelne Beiträge aus Zeitungen und Zeitschriften kostengünstig mit einem Klick kaufen kann, darunter FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Tagesspiegel, Spiegel, Focus, Rheinische Post sowie Neue Zürcher Zeitung und Die Presse.

Sci-Hub setzt Verlagsmultis wie Elsevier enorm zu (2. August 2017, derStandard.at) und riskiert dabei milionenschwere Klagen:

„ScienceHub is a global science and technology publisher and provides free access to research articles and latest research information without any barrier to scientific community.”

 

Das DEAL-Projekt

In einer Monopolsituation diktiert der Anbieter den Preis. Nun versuchen die Abnehmer jedoch, ihre Macht zu zeigen, indem sie sich zusammenschließen.

Im DEAL-Projekt geht es um nicht weniger als “ein zukunftsorientiertes Modell des Publizierens und Lesens wissenschaftlicher Literatur”.

“Im August 2017 haben 16 Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft ihre Lizenzverträge mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier zum Jahresende 2017 gekündigt. … Damit schloss sich die größte deutsche Forschungsorganisation den damals schon mehr als hundert Wissenschaftseinrichtungen an, die ihre Lizenzverträge mit Elsevier gekündigt bzw. nicht verlängert haben, um die Verhandlungsposition des DEAL-Projektes zu stärken.”

“Die Wissenschaftsorganisationen und ihre Bibliotheken verhandeln mit den großen Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley über eine Nationallizenz (Projektname: „Deal“). Die Materie ist hochkompliziert und die Verhandlungen ziehen sich, weil gleich das ganze Geschäftsmodell umgekrempelt wird. Nur eines ist ziemlich klar: Handel und Zeitschriftenagenturen sitzen nicht am Verhandlungstisch. Ihre Dienste sind offenbar auch nicht mehr eingeplant. Das wird jetzt auch ganz offen ausgesprochen.” (Buchreport, 2017-10-27)

 

Weitere Stimmen

“Is the staggeringly profitable business of scientific publishing bad for science?” (Die Geschichte von Elsevier; The Guardian, 05.07.2017)

“DEALemma. – Antje Kellersohn zum aktuellen Stand der DEAL-Verhandlungen” (focus.de, 13.11.2017)

“Forscher boykottieren Elsevier” (Die Tageszeitung, 17.11.2017)

“Elsevier hält Zugang zu gekündigten Journals offen” (boersenblatt.net, 08.01.2018)

“Showdown im Poker mit dem Verlagsgiganten” (derStandard.at, 10.01.2018)

Auch in Kanada regt sich Widerstand:

“CARL Releases New Brief on the Unsustainability of International Journal Costs” (The Canadian Association of Research Libraries (CARL), 15.02.2018)

 

Lese-Empfehlung

Walther Umstätter (2014): Zur Inflation der „kleinen Münze“ im wissenschaftlichen Urheberrecht. Bibliothek, Forschung und Praxis 38(2): 301–319. Auszug:

„Wenn aber beispielsweise A. Hauff die These vertritt, „Subskriptions-Lizenzgebühren werden nicht als Entgelt für die in einer Veröffentlichung enthaltene wissenschaftliche Leistung erhoben, sondern für die notwendigen Verlagsleistungen, um der (Fach-)Öffentlichkeit den qualifizierten Zugang zu diesen Inhalten zu ermöglichen“, um sie dann im Folgenden mit den Leistungen zu begründen, die Tausende von Mitarbeitern des Verlagswesens bislang erbringen, dann entsteht natürlich sofort die Frage, ob die Digitalisierung mit dem Internet hier keine Veränderungen gebracht hat. Seiner Meinung nach ist das falsch, „denn die erforderlichen Qualifizierungs- und Infrastrukturleistungen sind weitgehend die gleichen.“ (Seite 311)

Die Urheberrechte sind für den Fortschritt der Wissenschaft oft wichtig, die Verwertungsrechte dagegen für die Verbreitung etlicher Erkenntnisse hemmend. Insofern wird hier die ursprüngliche Grundidee des Urheberrechts oft in ihr Gegenteil verkehrt. Denn das Recht, eine Publikation in ihrer Vervielfältigung auf ein Minimum zu reduzieren, ist nichts anderes als eine verwertungsrechtliche Verknappung von Information, um möglichst hohen Gewinn daraus zu ziehen. (Seite 315)“

 

One Thought to “Elsevier und das DEAL-Projekt”

  1. […] Marktmacht einsetzt, um bessere Lizenzbedingungen zu erzwingen. Das Ziel der Hochschulen (bzw. des DEAL-Projekts) ist eine gemeinsame nationale Lizenz für elektronische Wissenschaftsjournale, die auch den Zugang […]

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